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Siedlungsgeschichte, Bevölkerungsentwicklung und religiöse Entwicklung im Gebiet des Biosphärenreservates Vessertal

aus Manske [1]

Gliederung

1. Siedlungsgeschichte
2. Bevölkerungsentwicklung
3. Religiöse Entwicklung


1. Siedlungsgeschichte


Abgrenzung des Gebietes

Das Gebiet des Biosphärenreservates Vessertal umfaßt folgende Ansiedlungen: Schmiedefeld am Rennsteig, Frauenwald mit Ortsteil Allzunah, Vesser und Teile der Fluren von Schleusingerneundorf, Suhl, Stützerbach, Neustadt am Rennsteig, Gehren, Langewiesen, Gehlberg, Hirschbach und Erlau. Während die erstgenannten Orte einschließlich des besiedelten Bereiches in die Entwicklungszone des Biosphärenreservates einbezogen sind, liegen die anderen Ortschaften bezüglich der menschlichen Ansiedlung weitesgehend außerhalb dieses Schutzgebietes. Das Gebiet wird nahezu mittig vom Rennsteig durchzogen. Diesem bedeutsamen Kammweg kommt sowohl historische als auch geografische Bedeutung zu.

Er diente als Verbindung der verschiedenen Paßübergänge von Handelsstraßen und hatte gleichzeitig von jeher Grenzfunktion inne. Als Wasserscheide bildet er eine natürliche Grenze zwischen Franken und Thüringen. Eine ethnische und sprachliche Differenzierung (zwischen fränkischem und sächsischem Dialekt) der Gebiete nördlich und südlich seines Verlaufes ist bis in die Gegenwart hinein zu verzeichnen. Im Verlauf der Jahrhunderte übernahm der Rennsteig auch in kirchlicher und terretorialpolitischer Hinsicht Grenzfunktion. Dies ist noch heute an zahlreichen Rennsteigsteinen abzulesen, die z. T. als Grenzsteine aber auch als "Dreiherrensteine" dienten. Diese Rennsteigsteine bilden wertvolle Elemente der historischen Kulturlandschaft des betrachteten Gebietes. Ihr Alter wird teilweise auf bis zu 300 Jahren geschätzt, die meisten stammen allerdings aus dem 18. Jahrhundert.


1. Siedlungsgeschichte

Die Besiedlung des Thüringer Waldes, in dessen Bereich sich das Biosphärenreservat Vessertal befindet, begann erst vor ungefähr eintausend Jahren. Während zunächst nur im Sommer Menschen in dieses Gebiet kamen, wurden mit dem allgemeinen Bevölkerungsanstieg neue Siedlungsgebiete gesucht. Zunächst wählte man sich für feste Siedlungen Gegenden am Rande des Mittelgebirges aus, um vor allem von der Landwirtschaft leben zu können.

Die zweite Siedlungsperiode, die etwa im 14./15. Jh. begann, wurde durch die Entwicklung des Bergbaus ausgelöst. In dieser Zeit ist die Entstehung der Orte innerhalb des Biosphärenreservates angesiedelt. Bergbautätigkeit war zwar schon sehr viel früher zu verzeichnen, neue technische Methoden und Möglichkeiten bewirkten aber, daß aus dem früheren Wandergewerbe ein seßhaftes Gewerbe entstehen konnte.

Im Falle des Ortes Schmiedefeld am Rennsteig weist schon der Name darauf hin, daß die Gewinnung und Verarbeitung des Eisenerzes mit der Ortsgründung im Zusammenhang stand. Auch beim Ort Vesser wird in der Ersterwähnung aus dem Jahre 1406 von einem "Hammer an der Vesser" gesprochen, der bis 1872 von Bestand war. In der Kernzone des Biosphärenreservates ist die frühere Position eines Eisenhammers mit dazugehörigem Teich noch deutlich an der Geländestruktur und an Mauerresten auszumachen.

Das geschlossene Waldgebiet mit seinen zahlreichen Fließgewässern war vor allem für die verschiedensten Waldgewerbe, eine ausgeprägte Weidewirtschaft sowie für das Betreiben von Wassermühlen (Schneide- und Mahlmühlen) besonders geeignet. Die scheinbar unbegrenzten Vorräte an Holz verleiteten über Jahrhunderte zu einem enormen Einschlag. Weiterhin wurden frühzeitig die Eisenerzvorkommen gefördert, die die gewerbliche Entwicklung des Thüringer Waldes wesentlich beeinflußten.

Der Ort Frauenwald hat seine Entstehung der zunehmenden Bedeutung der Handelsstraße Erfurt - Nürnberg (die wiederum in ihrem Verlauf dem des alten Romweges entsprach) zu verdanken. Das schon 1323 erwähnte Kloster "Zu den Frauen" hat dem Ort dann seinen Namen gegeben. Schon 1360 entstand hier eine Zollstation. Um 1500 gab es etwa 130 Einwohner, die ihren Lebensunterhalt vorwiegend mit Waldhandwerken oder mit Gewerben bestritten, die in Zusammenhang mit der Handelsstraße standen (Fuhr- und Handelswesen, Gastwirtschaft). Als jüngste Siedlung im Rennsteiggebiet ist das Dorf Allzunah zu nennen, das 1691 erstmals erwähnt wurde. Diese Gründung ist in die dritte und letzte der wesentlichen Siedlungsperioden einzuordnen, die durch die Entwicklung der Glasherstellung ausgelöst worden ist. Eine Glashütte war der Ausgangspunkt der Ortsgründung.
Gewerbliche Entwicklung

Die gewerbliche Entwicklung des Gebietes ist historisch vor allem von drei Erwerbszweigen geprägt. Das ist zum einen die Viehzucht, die schon vor den festen Ortsgründungen eine Rolle spielte. Verschiedene Viehhöfe - auch im Zusammenhang mit den Handelsstraßen über den Kamm des Thüringer Waldes - sind historisch belegt und auch heute noch an Flurnamen, wie Hengstwiese u. a. ablesbar. Das heutige Hotel mit dem Namen "Stutenhaus", das sich inmitten des Schutzgebietes befindet, hat seine Ursprünge ebenfalls in einem der frühen Viehhöfe.

Ein ebenso schon vor der festen Ortsgründung bestehendes Gewerbe war der Bergbau, der in der regionalen Siedlungsgeschichte eine wesentliche Rolle spielte. (s. Kapitel Siedlungsgeschichte) Als der Bergbau im 17./18. Jh., mit Ausschöpfung der Lagerstätten, zum Erliegen kam, entwickelte sich mehr und mehr die Glasindustrie, die im mittleren Thüringer Wald beste Bedingungen vorfand.

Holzkohle zum Betreiben der Öfen, Wasser und nahegelegene Sandvorkommen der notwendigen Qualität bedingten in relativ kurzer Zeit die Herausbildung zahlreicher kleiner und später auch größerer Glashütten, die über Jahrhunderte hinweg von Bestand waren. Die Glashütte von Schmiedefeld am Rennsteig ist bis heute in Betrieb und bildet in Verbindung mit einer Kristallschleiferei und mit der Möglichkeit der Besichtigung für Gäste der Region einen touristischen Anziehungspunkt.

Mit der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse (Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecken Ilmenau - Schleusingen 1904 und der Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald 1913) konnten neue Erwerbsmöglichkeiten gefunden werden. Dabei spielte die Entwicklung des Fremdenverkehrs die bedeutsamste Rolle. Intensiver Kurbetrieb in Stützerbach und reger Urlauberverkehr in allen Orten des Gebietes haben zu einem gewissen Wohlstand der Orte beigetragen, der an den Gebäuden und Freiflächen mitunter noch heute ablesbar ist. Stammgäste des mittleren Thüringer Waldes kamen vor allem aus den Industriegebieten um Halle und Leipzig.

Mit der Öffnung der Grenzen war das Gebiet für diese Gäste zunächst weniger interessant, wodurch ein starker Rückgang der Übernachtungszahlen zu verzeichnen war. Inzwischen sind mit der Modernisierung alter und der Schaffung neuer touristischer Infrastruktureinrichtungen günstige Voraussetzungen für eine langfristige Fortführung der fremdenverkehrlichen Tradition geschaffen worden. Der allmählich wieder ansteigende Zulauf von Feriengästen und die positive Resonanz auf die natürlichen und kulturellen Gegebenheiten sind dafür günstige Zeichen.


2. Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung im Gebiet soll am Beispiel von Frauenwald verdeutlicht werden. Sie stellt sich im Laufe der Geschichte folgendermaßen dar und kann in den grundsätzlichen Aussagen auf das gesamte Gebiet Anwendung finden:

Jahreszahl     Anzahl der Einwohner
1500     130
1611     343
1646     139
1790     382
1840     679
1910     1257
1950     1680
1995     1370

Ein starker Anstieg der Einwohnerzahl um die Jahrhundertwende ist mit der zunehmenden Industrialisierung auch dieses Gebietes erklärbar. Mit der Inbetriebnahme der Bahnstrecke Ilmenau - Schleusingen im Jahre 1904 und zusätzlich der Kleinbahn zwischen Rennsteig und Frauenwald im Jahre 1913 ergaben sich Möglichkeiten für weitere Arbeitswege und gleichzeitig gute Bedingungen für die Entwicklung des Fremdenverkehrs im gesamten Gebiet. Der Aufschwung des Fremdenverkehrs wiederum bedingte durch neue und erweiterte Erwerbszweige eine Zunahme der Bevölkerungszahl in der Gegend des heutigen Biosphärenreservates.

Der erneute sprunghafte Anstieg der Einwohnerzahlen nach 1945 ist mit der Aufnahme zahlreicher Umsiedler zu erklären. Dies stellt allerdings ein Phänomen dar, das allgemeingültig und nicht spezifisch für das betrachtete Gebiet ist.

Ein stetiger allmählicher Rückgang der Gesamtbevölkerungszahl seit den 50/60er Jahren ist ebenfalls keine ortsspezifische Erscheinung. Der Aufbau von zentralen Strukturen in der Industrie, die sich in den Städten der Gegend (z. B. Suhl und Ilmenau) konzentrierten, sorgte für eine Abwanderung vor allem der jungen Einwohner. Auch das staatliche Wohnungsbauprogramm, das sich auf die Errichtung von Neubaugebieten in den Städten beschränkte, dürfte zur Abwanderung von jungen Dorfbewohnern geführt haben.

Es ist seit der politischen Wende kein für Thüringen überdurchschnittlicher Rückgang in der Bevölkerungszahl zu verzeichnen. Erst der landesweite starke Geburtenrückgang macht sich auch im Bereich des Biosphärenreservates bemerkbar.


3. Religiöse Entwicklung

Im Jahre 1218 wird in einer Urkunde des Grafen Poppo VII. von Henneberg eine Kapelle bezeugt, die als Vorstufe der späteren Herausbildung des Ortes Frauenwald anzusehen ist. Die Kapelle war aufgrund ihrer Lage an der Handelsstraße dem Schutzheiligen der Fuhrleute, dem heiligen Nikolaus, geweiht und wurde später durch das Kloster Veßra zu einer Probstei und einem Frauenkloster ausgebaut. Im Zuge der Reformation wurde 1544 das Nonnenkloster aufgelöst.

Dennoch blieb Frauenwald bis ins Jahr 1758 der kirchliche Mittelpunkt des Gebietes. Die hiesige Kirche betreute die Orte Vesser und Schmiedefeld sowie - bis 1844 - den weimarischen Teil Stützerbachs. Ab 1758 bildete Schmiedefeld mit Vesser eine eigene Pfarrei.

Das gesamte Gebiet des Thüringer Waldes ist seit der Mitte des 16. Jh. überwiegend protestantisch geprägt. Kleinere katholische Gemeinden und vereinzelte andere evangelische Glaubensrichtungen sind in den Orten aber bis heute vertreten.

Das Gebiet des Biosphärenreservates war zum überwiegenden Teil bis 1583 in Hennebergischem Besitz. Nachdem dieses Grafengeschlecht 1583 ausstarb, übernahm die ernestinische Linie Sachsens das südliche Gebiet Thüringens. Die Kleinstaaterei war in Thüringen in besonderer Weise ausgeprägt. Der Grund dafür ist in der bis in das 19. Jh. hinein praktizierten Erbteilung zu finden, die in anderen Landesteilen wesentlich früher abgeschafft worden ist. So ist eine einheitliche Zuordnung zu den Landesherren für das betrachtete Gebiet nicht möglich. Ein fortwährender Wandel der Zugehörigkeiten, kleine Territorien und Enklaven war zu verzeichnen, wobei der Einfluß der sachsen-ernestinischen Linie bis ins 19. Jh. am größten war. Diese Zersplitterung des Landes hatte aber auch positive Aspekte. Beispielsweise waren die Landesherren an einer weitgehend autonomen Wirtschaft ihres Herrschaftsgebietes interessiert und förderten deshalb die gewerbliche Entwicklung. Die kulturelle Entwicklung stand, bedingt durch die vielen Fürstenhäuser mit Repräsentationswünschen, der anderer Länder nicht nach.

Der Beitritt der thüringischen Staaten zum Zollverein im Jahre 1833 war der erste und wesentliche Schritt zur Überwindung der Kleinstaaterei. Mit der Einführung von neuen Verfassungen 1849 begann der Übergang zur konstitutionellen Monarchie. In der Folge des deutsch-französischen Krieges 1870/71 entstand das Deutsche Reich, wobei die thüringischen Staaten zu Gliedern des förderativ aufgebauten Nationalstaates wurden. Nachdem durch die Novemberrevolution 1918 die Monarchie abgeschafft worden ist, wurde 1920 das Land Thüringen gegründet, das 1952 durch die Schaffung von Bezirksstrukturen abgeschafft und erst 1990 nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wieder neu als solches gegründet worden ist. Von 1952 bis 1990 gehörte das Gebiet des Biosphärenreservates dem Bezirk Suhl und den Kreisen Ilmenau und Suhl-Land an. Mit Wiedergründung des Landes Thüringen und der wenig später durchgeführten Kreisrefom ist es dem Ilm-Kreis mit Sitz in Arnstadt, dem Landkreis Hildburghausen sowie der kreisfreien Stadt Suhl zugehörig.

 

[1] ZENTRUM FÜR THÜRINGER LANDESKULTUR E.V. (1997): Siedlungsgeschichte, Bevölkerungsentwicklung und religiöse Entwicklung im Gebiet des Biosphärenreservates Vessertal-Thüringer Wald. - Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag desThüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt, Erfurt


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