Datum: 06.05.2020

Unterwegs ... Bergwiesen

Wissen für die Westentasche

... mit Ranger Matthias Hellner unterwegs!

Was für ein Anblick! Die bunt blühenden Bergwiesen im Biosphärenreservat Thüringer Wald sind jedes Jahr ein wahrer Genuss für Wanderfreunde. Neben den Wäldern und tief eingeschnittenen Tälern prägen die Bergwiesen das Landschaftsbild in der Region zwischen Suhl, Oberhof, Ilmenau und Masserberg. Und obwohl diese mit 1075 ha einen eher kleinen Teil der 33.700 ha großen UNESCO-Region ausmachen, sind sie doch ein Markenzeichen und laden zum Beobachten ein. Gerade in diesen Zeiten sind sie ein Ort für Achtsamkeit: „Noch ist es etwas früh für die volle Blütenpracht. Doch die Natur zeigt sich bereits zaghaft auf den Bergwiesen", beschreibt Ranger Matthias Hellner. „Auf den Wiesen bei Heubach oder auf den Ziegensümpfen bei Schmiedefeld am Rennsteig findet sich schon das Sumpf-Veilchen. Wie der Name schon sagt, mag die krautige Pflanze gerne feuchte bis sumpfige Gebiete ", so Hellner.
Dass Wiese nicht gleich Wiese ist, sieht man oft erst auf den zweiten Blick. Dabei spiegeln Wiesen die verschiedenartigen Verhältnisse, die am jeweiligen Standort herrschen, recht augenscheinlich wider. Hauptsächlich nach der Wasser­ und Nährstoffversorgung werden Magerrasen, Frischwiesen, Feuchtwiesen und Nasswiesen unterschieden. Die Gebirgsfrischwiesen, die eine mäßige Bodenfeuchte aufweisen, haben den größten Flächenanteil im Biosphärenreservat. Diese blütenreichen Wiesen sind trittfest, eignen sich also auch für die Beweidung.

Die vorherrschende Wiesengesellschaft ist die Goldhaferwiese. „Ein typisches Beispiel für diesen Wiesentyp ist die Stutenhauswiese bei Vesser. Sie bezaubert durch ihren Blütenreichtum und den wunderbaren Ausblick. Der namensgebende Goldhafer, der Weiche Pippau oder der Waldstorchschnabel lassen sich hier finden", erklärt der Ranger. Auch Heuschrecken lassen sich in dieser Frischwiese beobachten. Nährstoffärmere Böden, wie für den Borstgrasrasen, auch Magerrasen genannt, typisch, finden sich vor allem in den höheren Lagen des Gebiets. Auf solchen Standorten gedeihen eher kurzrasige und recht lichte Wiesengesellschaften. Auffällig ist das horstbildende Borstgras. Im Sommer leuchten die gelben Blütenköpfe der Arnika und die grünlich-weißen Dolden der Bärwurz. „Eine bekannte Wiese im Gebiet, die sich wie ein Mosaik aus verschiedenen Wiesentypen zusammensetzt, ist die Schöne Wiese bei Schmiedefeld am Rennsteig. Hier finden wir im Frühling den Gamander-Ehrenpreis, auch Männertreu oder Gewitterblume genannt, als auch den Goldhafer und ab Ende Mai, Anfang Juni können wir die Bärwurzblüte beobachten", schwärmt Matthias Hellner.
Und obwohl sich die Bergwiesen malerisch in die Landschaft einfügen, sind die Wiesen im Mittleren Thüringer Wald nicht natürlichen Ursprungs. Die Landschaft ist hier von Menschenhand gestaltet. Der Thüringer Wald war ursprünglich ein geschlossenes Waldgebiet. Erst vor ca. 1.000 Jahren rodeten Siedler Teile des Waldes, um erst einzelne Gebäude und Produktionsanlagen zu errichten. Allmählich entstanden ganze Siedlungen. Die anfangs übliche Waldweide musste wegen vielfältiger Übernutzung der Wälder immer mehr beschränkt werden. Wiesen wurden angelegt und bewirtschaftet. Es bildeten sich deutlich unterscheidbare Wiesentypen heraus. Nur durch Nutzung bleiben die Bergwiesen erhalten, sonst erobert sie der Wald zurück.
Der Erhalt der Bergwiesen und deren naturbetonte Bewirtschaftung und Pflege ist ein wichtiges Thema im Biosphärenreservat und wird auch im Entwicklungskonzept, welches die Verwaltung derzeit mit der Region erarbeitet, erneut einfließen. In der Modellregion Biosphärenreservat wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Methoden erprobt und durch Forschungsarbeiten wissenschaftlich begleitet, wie traditionelle Nutzungen unter den heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen fortgeführt oder durch andere geeignete Maßnahmen ersetzt werden können.

Tipp von den Rangern:
Unterwegs auf den Wiesen bei Frauenwald oder Neustadt am Rennsteig

Um die Vielfalt der Wiesen im Biosphärenreservat näher kennen zu lernen, beginnen Sie am besten damit, eine größere Wiese vom Rand aus zu betrachten. Nach einer Weile des Schauens werden Sie Flächen mit hochwüchsigen Pflanzen von kurzrasigen unterscheiden können, helle Stellen von dunklen. Verschiedenartige Blüten und Fruchtstände zeigen verschiedene Pflanzengesellschaften an. Riechen Sie an den Blüten, erfühlen Sie die Blattstrukturen. Beobachten Sie, welche Insekten welche Blüten besuchen. Auch auf dem Wiesenboden gibt es viel zu entdecken: Käfer, Wiesenameisen, Grashüpfer und Zikaden, Blindschleichen und vielleicht auch ein Grasfrosch. Viel Spaß!


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