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Datum: 13.08.2020

Emergenzuntersuchung zu Insekten in den Bergbächen

Nach 35 Jahren erneute Untersuchung

Harald Ulrich aus Vesser erinnert sich noch ganz genau an die Emergenz-Untersuchung in den 80er Jahren. „Meine Mutter Edith Ulrich war 1983 für das Sammeln der Insekten im Untersuchungszelt in Vesser zuständig. Täglich in den Nachmittags- oder Abendstunden war sie ehrenamtlich im Einsatz. Die Insekten mussten alle mit der Hand und einer Pinzette in ein Röhrchen gesammelt werden - das dauert teilweise bis zu zwei Stunden", erinnert er sich.

Von 1983 bis 1987 wurden durch das Museum der Natur in Gotha Bergbach-Untersuchungen an drei Standorten der Vesser in den Monaten April bis Oktober durchgeführt. Insgesamt waren es mehr als 387.000 Individuen, darunter 58.450 Insekten der EPT-Fauna, die so während der Emergenzuntersuchung erfasst wurden. Das Schlüpfen der Insekten aus einem Bach ist als Emergenz zu verstehen.
35 Jahre später stehen die EPT-Insekten auch wieder im Fokus. EPT – das sind die Eintagsfliegen (Ephemeroptera), Steinfliegen (Plecoptera) und die Köcherfliegen (Trichoptera). Diese Insekten leben als Larven im Wasser bzw. sind an den Lebensraum des Bergbachs gebunden.
„Ein wahrer Schatz sind die detaillierten Untersuchungen aus den 80er Jahren. Wir wollen herausfinden, ob es Unterschiede in der Artenvielfalt bzw. der Biomasse in den Bergbächen zwischen den beiden Untersuchungszeiträumen gibt. Außerdem sind neue Erhebungsstandorte dazu gekommen", erläutert Dr. Tiemo Kahl, zuständig für Forschung und Monitoring im Biosphärenreservat Thüringer Wald.

Das vom Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz finanzierte Projekt wird durch das Institut für Gewässerökologie und Fischereibiologie (IGF) Jena unterstützt und begleitet. Von Juli bis Oktober 2020 und von März bis Oktober 2021 werden neben der Vesser auch die Bergbäche Nahe, Schleuse, Schorte, Ilm und Gera in ihren Oberläufen untersucht. Zum Einsatz kommt dabei ein neuer Fallentyp, eine Art Pyramide, die auf einer schwimmenden Unterlage als Netz aufgebaut ist. Die Insekten gelangen über eine Flasche in eine Flüssigkeit und werden so gesammelt. „Die Fallen werden alle 14 Tage geleert und die Insekten zur Bestimmung nach Jena geschickt. Drei der Untersuchungsstandorte im Biosphärenreservat liegen südwestlich des Rennsteigs und drei im Nordosten. Hinzu kommt ein Vergleichsstandort zur Fangmethode in den 1980ern. Hierfür wurde 100m unterhalb der Ortschaft Vesser ein Zelt über dem Bergbach Vesser aufgebaut. „Die Bergbäche nahe am Rennsteig gehören zu den ursprünglichsten Lebensräumen im Biosphärenreservat. Sie sind heute in weiten Teilen ungenutzt und durch den Menschen nur gering verändert", betont Dr. Tiemo Kahl die Besonderheit der Untersuchung im Biosphärenreservat.

„Das Vorhaben lässt sich als lokale Studie begreifen, die regional und global gesehen einen Beitrag zum beobachteten Rückgang der Artenvielfalt bei Insekten treffen kann. Dazu ist es auch wichtig zu wissen, wie die Variationen zwischen zwei direkt aufeinanderfolgenden Jahren sind", erklärt der Biologe. Während die neuen Fangstellen bereits seit 1. Juli aktiv sind, wird mit der Untersuchung im Zelt erst im Frühjahr 2021 begonnen. Kern der Methode ist ein über dem Bach stehendes, lichtdurchlässiges Gehäuse (eine Art Gewächshaus), welches zur Wasserfläche offen ist und in dem sich alle im von der Falle überspannten Bachabschnitt schlüpfenden Insekten fangen. „Wir sind gespannt, wie sich die Methoden im Vergleich bewähren und welche Unterschiede es nach 35 Jahren gibt", betont Dr. Kahl.


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